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Aus den geheimen Gefilden des Mephistopholus

/ zur Revision der progressiven Universalpoesie

"Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegenem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen, und durch die Schwingungen des Humors beseelen." Friedrich Schlegel: >>Athenäums<<-Fragmente und andere Schriften. Stuttgart, 2005. S. 90.

Balthasar Burkhard - Scent of Desire 2010

Balthasar Burkhard - Scent of Desire 2010

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Trotz der Schwierigkeiten meiner Geschichte, trotz der Notlagen, der Zweifel, der Verzweiflungen, trotz der Bemühungen, sie hinter mir zu lassen, höre ich nicht auf, für mich selbst die Liebe als Wert zu bejahen. Alle Argumente, die die verschiedenartigsten Systeme benutzen, um die Liebe zu entmystifizieren, einzuschränken, in den Schatten zu stellen, kurz: zu entwerten, nehme ich zur Kenntnis, verweigere mich ihnen jedoch: ‘Ich weiß wohl, aber dennoch …’ Ich verweise die Versuche der Entwertung der Liebe an eine obskurantistische Moral, an einen farcenhaften Realismus zurück, gegen die ich das Wirkliche de Wertes ins Feld führe: ich setze allem, was an der Liebe ‘unmöglich’ ist, die Bejahnung dessen entgegen, was seinen Wert in sich selbst hat. Die Hartnäckigkeit ist die Beteurung der Liebe: im Konzert der ‘guten Gründe’, anders zu lieben, besser zu lieben, ohne verliebt zu sein usw., lässt sich eine eigensinnige Stimme vernehmen, die etwas länger nachklingt: die Stimme des Unheilbar-Liebenden.

Die Welt stellt jede Unternehmung vor eine Alternative: vor die Alternative von Erfolg oder Misslingen, von Sieg und Niederlage. Ich berufe mich auf eine andere Logik: ich bin zugleich und auf widersprüchliche Weise glücklich und unglücklich: ‘erfolgreich sein’ oder ‘versagen’ haben für mich nur zufällige, vorübergehende Bedeutungen (was meine Schmerzen und Begierden allerdings nicht hindert, heftig zu sein); was mich, heimlich und eigensinnig, mit Leben erfüllt, ist keineswegs taktischer Art: ich akzeptiere und bejahe jenseits von ‘richtig’ und ‘falsch’, von ‘erfolgreich’ und ‘misslungen’; ich bin jeder Finalität entzogen, ich lebe zufallsgelenkt (zum Beweis, dass die Figuren meines Diskurses wie Würfelwürfe zufallen). Dem Abenteuer (dem, was mir zustößt) ausgeliefert, gehe ich daraus weder als Sieger noch als Besiegter hervor: ich bin tragisch. (Man sagt mir: diese Art der Liebe lässt sich nicht leben. Aber wie die Lebensfähigkeit bewerten? Warum ist, was sich leben lässt, ein Gut? Warum ist dauern besser als brennen?)

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- Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Frankfurt/M 2009, S. 56
"Und wenn mans wirklich tut? Den Koffer packen und der Sehnsucht nachgeben? Macht das glücklicher? Leidenschaft statt Liebe. Und immer gibt es neue Begierden zu stillen. Dann ist man unterwegs für immer. Man sollte bleiben, wenn man das Gefühl hat, angekommen zu sein."
-  Ildikó von Kürthy - Freizeichen, Seite 210 (via josiejoyful)

(Quelle: fearsteersthisbody)

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F A D I N G.
Schmerzliche Prüfung, bei der das geliebte Wesen sich von jedem Kontakt zurückzuziehen scheint, ohne daß diese rätselhafte Gleichgültigkeit gegen das liebende Subjekt gerichtet oder zugunsten dessen geltend gemacht würde, was sonst im Spiel ist, Welt oder Rivale.

1. Im Text ist das Fading der Stimmen eine willkommene Angelegenheit; die Stimmen der Erzählung kommen, gehen, verhallen, durchkreuzen einander; man weiß nicht wer spricht; es spricht, das ist alles: kein Bild mehr, nichts als Sprache. Aber der Andere ist kein Text, er ist Bild, eines und verwachsend; wenn die Stimme sich verliert, verflüchtigt sich auch das ganze Bild (die Liebe ist monologisch besessen; der Text ist heterologisch, pervers).
[…]

2. Es gibt Alpträume, in denen die Mutter auftaucht, das Antlitz zu einer strengen und kalten Miene verdüstert. Das Fading des Liebesobjektes ist die schreckliche Wiederkehr der Bösen Mutter, der unerklärliche Rückzug der Liebe, die bekannte Verlassenheit der Mystiker: Gott existiert, die Mutter ist da, aber sie liebten nicht mehr. Ich bin nicht zerstört, aber da liegengelassen wie ein Stück Abfall.

3. Die Eifersucht bereitet weniger Leiden, denn der Andere bleibt dabei lebendig. Im Fading dagegen scheint der Andere jede Begierde fahren zu lassen, er wird von der Nacht aufgesogen. Ich bin vom Anderen verlassen, aber dieses Verlassensein vermehrt sich um das Verlassensein, von dem er selbst betroffen ist; sein Bild ist von der verwaschenen, abgelegten Art; ich kann an nichts mehr Rückhalt finden, nicht einmal mehr an der Begierde, die der Andere anderswohin richtet: ich bin in Trauer um ein Objekt, das selbst trauert (von daher wird verständlich, in welchem Maße wir der Begierde des Anderen bedürfen, selbst wenn diese Begierde nicht uns gilt).

4. Wenn der Andere im Fading versinkt, wenn er sich zurückzieht, um nichts, es sei denn um einer Angst willen, die er nicht anders zum Ausdruck bringen vermag als mit den dürftigen Worten: ‘ich fühle mich nicht wohl’, scheint er in einem Nebel in die Ferne zurückzuweichen; durchaus nicht tot, aber eine verschwommene Gestalt im Reiche der Schatten; Odysseus hat ihnen einen Besuch abgestattet, sie beschworen (Nekyia); unter ihnen weilte der Schatten seiner Mutter; ich nenne, ich beschwöre so den Anderen, die Mutter, aber was da heraufkommt, ist lediglich ein Schatten.
[…]

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- Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Übersetzt von Hans-Horst Henschen. Frankfurt am Main 1988, S. 106ff. (via walter-benjamin-bluemchen)
"Weil es sich so gut anfühlte, sie vor aller Augen zu küssen."
- (via hirnsuppe)
"Es gibt nicht nur ein Zärtlichkeitsbedürfnis, sondern auch ein Bedürfnis, selbst zärtlich zum Anderen zu sein: wir schließen uns in eine Güte auf Gegenseitigkeit ein, wir bemuttern uns abwechselnd; wir kehren zur Wurzel jeder Beziehung zurück, dorthin, wo Bedürfnis und Begierde zusammentreffen. Die zärtliche Geste sagt: verlange von mir, was du willst, das deinen Körper in den Schlaf wiegen kann, aber vergiss auch nicht, dass ich dich ein wenig leichthin begehre, ohne sofort etwas haben zu wollen."
- Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Frankfurt/Main 1984, S. 256.