"‘Sie müssen sich doch sagen’, schreibt die Marquise de Merteuil, ‘wenn Sie einem schreiben, ist es für ihn und nicht für Sie. Also müssen Sie ihm weniger das zu sagen streben, was Sie denken, als das, was ihm besser gefällt.’ Die Marquise ist nicht verliebt; was sie vorschlägt, ist eine Korrespondenz, das heißt ein taktisches Unternehmen mit dem Ziel, Positionen zu verteidigen, Eroberungen zu sichern; dieses Unternehmen muss die Stellungen (die Unterabteilungen) der gegenerischen Einheit ausmachen, das heißt das Bild des Anderen in verschiedene Gesichtspunkte zergliedern, die der Brief zu berühren versucht (es handelt sich also durchaus um eine Korrespondenz, im beinahe mathematischen Sinne des Wortes). Aber der Brief hat für den Liebenden keine taktische Bedeutung: er ist rein expressiv - im äußersten Falle schmeichlerisch (aber die Schmeichelei ist hier durchaus nicht eigennützig: sie ist lediglich die Sprache der Hingabe); es ist eine Beziehung, die ich zum Anderen aufnehme, keine Korrespondenz: die Beziehung bringt zwei Bilder in Zusammenhang. Sie sind überall, Ihr Bild ist total, schreibt auf verschiedene Weisen Werther an Lotte."
- Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Framkfurt/Main 2009, S. 66